Im Spannungsfeld von Salutogenese, Ernährung und Lebensmittelproduktion: Wege zu einer gesünderen Zukunft

Die moderne Welt befindet sich an einem kritischen Scheideweg in Bezug auf Gesundheit, Ernährung und Umwelt. Die globalen Ernährungsgewohnheiten – auch in Österreich – sind zunehmend problematisch. Ein hoher Konsum von Fleisch und stark bis sehr stark verarbeiteten Lebensmitteln (UPF), gepaart mit einem geringen Verzehr von Obst und Gemüse, dominiert unsere Teller. Die Folgen sind gravierend: ein starker Anstieg von ernährungsbedingten Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und bestimmte Arten von Krebs. Die Gesundheitskosten steigen, und das individuelle Leid nimmt zu. Im Mittelpunkt dieses Problems steht ein Wechselspiel, das neue Perspektiven erfordert, insbesondere aus salutogener Sicht.

Salutogenese: Gesundheit im Fokus

Die Salutogenese – ein vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickeltes und von der Wiener Schule für Salutologie weiter adaptiertes Konzept – konzentriert sich nicht auf die Entstehung von Krankheiten (Pathogenese), sondern auf die Schaffung und Erhaltung von Gesundheit. Im Zusammenhang mit der Ernährung bedeutet dies, dass man nicht mehr nur reaktiv auf Risikofaktoren reagiert, sondern aktiv ein Umfeld gestaltet, das das Wohlbefinden fördert. Die Ernährung wird zu einem wichtigen Hebel, um die individuelle und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Eine salutogenetische Perspektive stellt daher die Frage: Wie können Lebensmittelsysteme so gestaltet werden, dass sie die Fähigkeit der Menschen verbessern, ihre Gesundheit zu erhalten und zu fördern, selbst unter schwierigen Bedingungen?

Ungesunde Essgewohnheiten und ihre Folgen

Die aktuellen Ernährungstrends zeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. In Österreich ist – wie in vielen Industrieländern – der Konsum von tierischen Produkten nach wie vor hoch, während der Verzehr von Obst und Gemüse unzureichend ist. Besonders besorgniserregend ist der übermäßige Verzehr von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln, die oft reich an Zucker, Salz und gesättigten Fetten, aber arm an Ballaststoffen und wichtigen Nährstoffen sind. Diese Art der Ernährung trägt nicht nur zu chronischen Krankheiten bei, sondern schafft auch ein fettleibiges Umfeld, vor allem in städtischen Gebieten, wo ungesunde Optionen leichter zugänglich, erschwinglich und stark vermarktet sind als gesündere Alternativen.

Die ökologische Dimension: Lebensmittel als ökologischer Faktor

Neben den gesundheitlichen Herausforderungen hat unser derzeitiges Lebensmittelsystem auch schwerwiegende ökologische Folgen. Etwa 30 % der weltweiten Treibhausgasemissionen, 70 % des Verlusts an biologischer Vielfalt und 80 % der Entwaldung stehen im Zusammenhang mit der konventionellen Nahrungsmittelproduktion. Insbesondere die industrielle Viehzucht und der Anbau von Futterpflanzen verbrauchen enorme Ressourcen. Dies zeigt deutlich, wie eng unsere Essgewohnheiten mit der Umweltzerstörung verbunden sind – ein krasser Widerspruch zu den Grundsätzen der nachhaltigen Gesundheitsförderung.

Neue Wege in der Lebensmittelproduktion:

Angesichts dieser Probleme gewinnen alternative Formen der Nahrungsmittelproduktion an Bedeutung – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus ökologischer Sicht. Zu den vielversprechenden Innovationen gehören:

  • Vertikale Landwirtschaft und urbane Landwirtschaft: Diese Technologien ermöglichen den ressourceneffizienten, pestizidfreien Anbau von Obst und Gemüse in städtischen Gebieten und verbessern den Zugang zu frischen Produkten dort, wo sie am dringendsten benötigt werden.

  • Fermentierung und biotechnologische Innovation: Fermentierte Lebensmittel unterstützen die Darmgesundheit und könnten durch moderne Technologien wie die Präzisionsfermentation eines Tages tierische Proteine durch gesündere, nachhaltigere Alternativen ersetzen.

  • Pflanzenbasierte Ernährung und kultiviertes Fleisch: Diese Alternativen zu herkömmlichem Fleisch bieten das Potenzial, die Umweltbelastung zu verringern und gleichzeitig das Risiko ernährungsbedingter Krankheiten zu senken.

  • Regionale und saisonale Lebensmittelsysteme: Kürzere Lieferketten, weniger Verpackung und die Unterstützung der lokalen Landwirtschaft können die Umweltbelastung verringern und das Vertrauen in die Lebensmittelqualität stärken.

Ausblick: Salutogene Lebensmittelsysteme als Leitmotiv

Das Zusammenspiel von Salutogenese, Ernährung und Lebensmittelproduktion zeigt, dass Gesundheit nur dann ganzheitlich betrachtet werden kann, wenn auch die ökologischen und sozialen Bedingungen berücksichtigt werden. Eine salutogene Ernährungspolitik sollte über die individuelle Aufklärung hinausgehen und auf strukturelle Veränderungen abzielen:

  • Anreize für pflanzliche Ernährung durch Steuern und Subventionen

  • Adipositasfördernde Umgebungen durch verbesserte städtische Infrastruktur verändern

  • Unterstützung der nachhaltigen Produktion und der regionalen Kreislaufwirtschaft

Solche Maßnahmen könnten den Beginn eines Paradigmenwechsels markieren – hin zu einem Lebensmittelsystem, das Gesundheit nicht nur zulässt, sondern sie aktiv fördert.

Salutogenetische Ernährung und Umwelt: Wie die gemeinschaftliche Landwirtschaft die Menschen und den Planeten heilen kann

In einer Zeit, die von ökologischer Degradation, steigenden Raten chronischer Krankheiten und sozialer Bindungslosigkeit geprägt ist, entstehen neue Paradigmen, die die menschliche und die planetarische Gesundheit miteinander verweben. Ein solches Paradigma ist die salutogenetische Ernährung, ein Konzept, das auf der Idee beruht, dass Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern ein dynamischer Prozess, der von körperlichen, geistigen, sozialen und Umweltfaktoren beeinflusst wird.

In einem Beitrag von Eva Bayomy wird untersucht, wie Community Made Agricultures (CMAs) – gemeinschaftsbasierte urbane Landwirtschaftsinitiativen – ein leistungsfähiges Modell für salutogene Umgebungen darstellen, insbesondere wenn sie mit Green Social Prescribing (GSP) -Strategien abgestimmt sind.

Von der Pathogenese zur Salutogenese

Traditionelle Modelle der öffentlichen Gesundheit haben sich weitgehend auf die Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten konzentriert – eine pathogenetische Perspektive. Die von Aaron Antonovsky eingeführte Salutogenese verlagert den Schwerpunkt auf das Verständnis der Ursprünge der Gesundheit. Sie fragt: Was hält die Menschen gesund? Dieser Rahmen betont die Fähigkeit des Einzelnen, Stress zu bewältigen, Sinn zu finden und das Wohlbefinden durch ein starkes „Kohärenzgefühl“ zu erhalten.

Bayomys Arbeit weitet dieses Prinzip auf städtische Ernährungsumgebungen aus und setzt sich für Lebensmittelsysteme ein, die die Gesundheit fördern und nicht gefährden – Systeme, die auf nachhaltigen, von der Gemeinschaft geführten und mit der Natur verbundenen Praktiken beruhen.

Community Made Agriculture: Ein salutogenes Modell in der Praxis

CMAs sind mehr als städtische Gärten. Sie sind lebende Laboratorien für Resilienz und Gesundheitsförderung, in denen Menschen gemeinsam Lebensmittel anbauen, städtische Räume neu gestalten und sich wieder mit der Natur verbinden. Die in Wien durchgeführte Studie von Bayomy zeigt, dass die Teilnehmer an CMAs folgende Erfahrungen gemacht haben:

  • Verbesserte körperliche Gesundheit durch regelmäßige Bewegung und Zugang zu frischen, nahrhaften Lebensmitteln.

  • Verbessertes psychisches Wohlbefinden, wobei die Natur und das gemeinschaftliche Engagement als Puffer gegen Stress und Isolation dienen.

  • Gestärkter sozialer Zusammenhalt, da CMAs Netzwerke der Fürsorge, der Zielsetzung und der gegenseitigen Unterstützung fördern.

Entscheidend ist, dass die CMAs eine nachhaltige Ernährung in fünf Schlüsselbereichen unterstützen: Gesundheit, Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Die Teilnehmer haben sich stärker pflanzlich ernährt, die Lebensmittelverschwendung reduziert und ein neues Gefühl der Wertschätzung und Souveränität für Lebensmittel entwickelt.

Green Social Prescribing: Brückenschlag zwischen Gesundheit und Ökologie

Green Social Prescribing (GSP) ist ein innovativer Ansatz im Gesundheitswesen, bei dem Fachleute Patienten an naturbasierte Aktivitäten – wie Gartenarbeit, Naturschutz oder gemeinschaftliche Landwirtschaft – verweisen, um die geistige und körperliche Gesundheit zu fördern. Er baut auf dem Rahmenwerk „Health in All Policies“ auf und integriert soziale, ökologische und gesundheitliche Strategien, um komplexe, chronische Probleme an der Wurzel zu packen.

Bayomys These beschreibt, wie CMAs durch ihr Angebot als effektive Standorte für APS dienen können:

  • Niedrigschwellige, integrative Beteiligungsmöglichkeiten.

  • Ein Umfeld, das die Gesundheitsförderung auf natürliche Weise in den Alltag einbindet.

  • Eine Plattform für den Umgang mit den sozialen Determinanten der Gesundheit, wie Ernährungsunsicherheit, Einsamkeit und Bewegungsmangel.

Herausforderungen und strukturelle Erfordernisse

Trotz ihres vielversprechenden Potenzials müssen CMAs und GSP Hindernisse überwinden: unsichere Finanzierung, begrenztes Bewusstsein bei den Angehörigen der Gesundheitsberufe und infrastrukturelle Lücken in der Stadtplanung. Bayomy betont die Notwendigkeit der Integration von Politik, langfristiger Finanzierung und integrativem Design – insbesondere für marginalisierte Bevölkerungsgruppen, die oft von Wellness-Initiativen ausgeschlossen sind.

Eine zentrale Empfehlung ist die Schaffung eines Überweisungs- und Beteiligungsmodells, das Gesundheitsdienstleister, Sozialdienste und kommunale Landwirtschaftsprojekte in einem koordinierten System miteinander verbindet.

Schlussfolgerung: Eine Kultur der Gesundheit kultivieren

Salutogenetische Ernährung und Umgebungen fordern uns auf, Gesundheit nicht als eine in Kliniken erbrachte Dienstleistung zu betrachten, sondern als eine Beziehung zwischen Menschen, Ort und Lebensmitteln. CMAs sind ein fruchtbarer Boden – buchstäblich und metaphorisch – um diese Beziehung zu entwickeln.

Bayomys These zeigt, dass es bei der Gesundheitsförderung nicht nur um die Verringerung von Krankheiten geht, sondern auch um die Schaffung von Bedingungen für das Aufblühen – körperlich, sozial und ökologisch. In den miteinander verflochtenen Krisen unserer Zeit erweist sich die gemeinschaftliche Landwirtschaft sowohl als Strategie der Resilienz als auch als hoffnungsvolle Vision für einen systemischen Wandel.

 

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